Bundesrat verlängert Lockdown und kündigt langsame Lockerung an


Roman Spirig
Schweiz / 09.04.20 07:53

Die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus werden um eine Woche bis am 26. April verlängert. Danach sollen sie aber schrittweise gelockert werden. Das hat der Bundesrat heute Mittwoch beschlossen. Über die Etappen der Lockerung will er nächste Woche entscheiden.

Bundesrat verlängert Lockdown und kündigt langsame Lockerung an (Foto: KEYSTONE / PETER KLAUNZER)
Bundesrat verlängert Lockdown und kündigt langsame Lockerung an (Foto: KEYSTONE / PETER KLAUNZER)


Die Covid-19-Epidemie habe sich in der Schweiz stark ausgebreitet, hält der Bundesrat in einer Mitteilung fest. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung habe in den vergangenen Tagen allerdings deutlich abgenommen. Die meisten Menschen hielten sich an die Regeln und schützten ihre Gesundheit und die der Risikogruppen, sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga.

Die Massnahmen zeigten Wirkung, das Konzept des Bundesrats sei erfolgreich, sagte Sommaruga. Noch ist die Pandemie aber nicht besiegt. "Der Weg stimmt, aber am Ziel sind wir noch nicht", hielt die Bundespräsidentin fest. Und trotzdem: Eine schrittweise Lockerungen sei möglich.

Fragiles Gleichgewicht

Gesundheitsminister Alain Berset erinnerte daran, dass die Zahl der Neuinfektionen und auch der Todesfälle weiter steige, aber langsamer. "Es gibt eine gewisse Entspannung." Das Gleichgewicht sei aber fragil. Es gelte, die Regeln weiter einzuhalten, die Risikogruppen weiterhin zu schützen und auch die Gesundheitseinrichtungen nicht unnötig zu belasten. Nur dann sei eine Rückkehr zur Normalität denkbar.

Aufgrund dieser epidemiologischen Entwicklung und gestützt auf Empfehlungen der Wissenschaft, hat der Bundesrat beschlossen, die Massnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Epidemie um eine Woche zu verlängern. Noch vor Ende des Monats sollen die Massnahmen vorsichtig und schrittweise gelockert werden.

Etappenweise Lockerung

Als Kriterien für die Lockerung nennt der Bundesrat die Anzahl der Neuinfektionen, der Spitaleinweisungen und der Todesfälle. Zudem sei entscheidend, wie gut die Massnahmen zum Abstandhalten und zur Hygiene eingehalten und grössere Ansammlungen von Menschen vermieden werden könnten.

Über die Etappen der Lockerung werde der Bundesrat an seiner nächsten Sitzung am 16. April entscheiden. Laut Berset können zuerst jene Bereiche geöffnet werden, in welchen keine grösseren Menschenansammlungen entstehen und in welchen die Hygiene- und Abstandsregeln gut eingehalten werden können. Konkreter wurde er nicht.

Das Tempo der Lockerung werde von der Entwicklung der Epidemie bestimmt, sagte er. Das Licht am Ende des Tunnels werde sichtbar. Umso wichtiger sei es jetzt durchzuhalten.

Sommaruga: "Geld für Luftfahrt muss in der Schweiz bleiben"

Bundespräsidentin und Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga hat die Wichtigkeit der Luftfahrt für die Schweiz unterstrichen. Deshalb prüfe der Bundesrat Staatshilfen für die durch die Coronapandemie gebeutelte Industrie. Es gälten aber strenge Bedingungen: "Das Geld für die Luftfahrt muss in der Schweiz bleiben."

Zudem dürften Unternehmen, die Bundeshilfen erhielten, keine Dividenden ausschütten, sagte Sommaruga am Mittwoch vor den Bundeshausmedien. "Diese Bedingungen sind für den Bundesrat nicht verhandelbar."

Die Schweizer Regierung möchte insbesondere die Landesflughäfen sowie die Fluggesellschaften vor einem Aus retten. "Zusammen bieten sie für unser Land eine wichtige Infrastruktur", sagte Sommaruga. Auch hingen rund 190'000 Arbeitsplätze indirekt an der Luftfahrtindustrie, die der Bundesrat erhalten wolle. "Wir retten Arbeitsplätze."

Laut Sommaruga gelangen mehr als ein Drittel der Schweizer Exportgüter per Flugzeug ins Ausland. Beim Import sei es ein Sechstel. "Viele Firmen und Lieferketten sind betroffen."

ETH-Studie: Massnahmen des Bundesrates zeigen positive Wirkung

Der vom Bundesrat verfügte "Lockdown light" zeigt Wirkung. Eine mit dem Coronavirus infizierte Person steckt gemäss Berechnungen eines ETH-Teams im Schnitt nur noch eine Person an statt wie vorher zwei bis drei Personen.

Wirkung zeigen die Massnahmen des Bundesrats zur Eindämmung der Pandemie in der ganzen Schweiz. Die Lage sei damit stabil, die Epidemie aber noch nicht eingedämmt, teilte die ETH Zürich am Mittwochabend mit.

Bevor am 13. März Schulschliessungen beschlossen und am 16. März die "ausserordentliche Lage" mit weiteren Social-?Distancing-Massnahmen ausgerufen worden war, hatte eine mit dem neuen Coronavirus infizierte Person im Durchschnitt zwei bis drei weitere Menschen angesteckt. Die Krankheitsfälle nahmen daher exponentiell zu.

Seit die Massnahmen in Kraft sind, steckt eine Person im Schnitt hingegen nur noch eine weitere Person an. Der Anstieg der Infiziertenzahlen ist damit nur noch linear. Dies zeigt eine Berechnung, die ein Team unter der Leitung von Tanja Stadler, Professorin am Departement für Biosysteme der ETH Zürich in Basel, durchgeführt hat.

Für eine Lockerung zu früh

"Wir haben die Ausbreitung definitiv stark gebremst", sagt die ETH-Professorin. Für eine Lockerung der Social-?Distancing-Massnahmen sei es aber zu früh. Dass die Lage derzeit stabil sei, sei zwar positiv, beispielsweise für die Spitäler und ihre Kapazitätsplanung. Solange die Lage so bleibe, wüssten die Spitäler, dass sie in Zukunft so viel Kapazität für Eintritte benötigten wie derzeit.

Eingedämmt ist die Epidemie damit allerdings nicht, betont Stadler. "Würden wir die getroffenen Massnahmen bald aufheben, müssten wir damit rechnen, dass sich das Virus sofort wieder exponentiell verbreitet", sagt die Wissenschaftlerin.

Die derzeitigen Massnahmen aufheben und ersetzen, könne man erst, wenn der Höhepunkt der Epidemie deutlich überschritten sei. Ein Hinweis darauf würde eine Reproduktionszahl deutlich unter dem Wert eins liefern.

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