Der Erfinder der Sicherheitsnadel: Kein Händchen fürs Geldmachen


Roman Spirig
Schweiz / 07.04.20 12:09

Am Freitag ist Welttag der Sicherheitsnadel, weil an einem 10. April (1849) das Patent dafür erteilt wurde. Der Schöpfer dieses unentbehrlichen Dings, Walter Hunt, war ein genialer Tüftler, der Dutzende nützlicher Sachen erfand - und verarmt starb.

Der Erfinder der Sicherheitsnadel: Kein Händchen fürs Geldmachen (Foto: KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV / STR)
Der Erfinder der Sicherheitsnadel: Kein Händchen fürs Geldmachen (Foto: KEYSTONE / PHOTOPRESS-ARCHIV / STR)

Der Amerikaner Walter Hunt erfand unter anderem die Nähmaschine und das Repetiergewehr, eine Strassenreinigungsmaschine und einen Eisbrecher, eine Nagel- und eine Seil-Maschine, einen Steinkohleofen und einen Füllfederhalter. Sein Antipodenschuh mit Saugnapf, mit dem Artisten die Wände hoch und an der Decke gehen konnten, war bis 1937 in Zirkussen in Gebrauch, und sein Messerschleifer wird heute noch produziert.

Dennoch hatte der Vater von vier Kindern nie Geld. Er verkaufte die Rechte an seinen Erfindungen immer sofort, um Schulden zu begleichen. Für das Patent an der Sicherheitsnadel, die er der Legende nach in drei Stunden beim Herumspielen mit einem Draht zufällig konstruierte, verlangte er 154 Dollar, weil er einem Mann 15 Dollar schuldete.

Die Erfindung war nicht wirklich neu, die ersten Fibeln, sicherheitsnadelartige. meist verzierte Schliessschnallen, sind für das 14. Jahrhundert v. Chr. in Mykene bezeugt. Hunts Verbesserungen bestanden darin, dass die Nadel durch eine Feder - den zum Kreis gebogenen Draht - gespannt wurde und deshalb nicht von selber aufging. Und vor allem durch die Hülse vorne, welche die Nadelspitze schützte - eben sicher machte.

Die meisten Geschäftsleute kauften zwar billig die Rechte an Hunts Geistesblitzen, verzichteten aber auf eine Patentierung. George A. Arrowsmith beispielsweise, der in den 1840ern die Rechte an Hunts Nähmaschine erwarb, patentierte sie nicht, weil gerade Finanzkrise, Cholera und Streiks wüteten. Derweil bediente sich die heute noch bestehende Firma Singer bei Hunts Prinzipien des doppelten Fadens und der ohrspitzigen Nadel.

Hunt klagte ab 1854 gegen Singer, ebenso wie Elias Howe, der - zu Recht oder zu Unrecht ist umstritten - als Erfinder der Nähmaschine in die Geschichte einging. Hunt überzeugte das Gericht mit einer Verbesserung seines Designs, einem Stofftransport-Mechanismus. Dank ihm staute sich der Stoff nicht mehr unter dem Nähfuss, und die Stichlänge wurde gleichmässig. Der Richter gab Hunt den Vorzug vor Howe und verknurrte die Nähmaschinenfabrik.

Isaac Merritt Singer bezahlte 50000 Dollar. Das Geld konnte er wohl aus der Kaffeekasse nehmen, denn I.M. Singer & Company war mittlerweile zum grössten Nähmaschinen-Herstellers Amerikas geworden. Doch als das Geld bei der Familie Hunt eintraf, war Walter tot. 62-jährig gestorben in seiner Werkstadt an Lungenentzündung.

Walter Hunt war ein herzensguter Daniel Düsentrieb. Als ältestes von 13 Kindern im 2000-Seelen-Städtchen Martinsburg NY geboren und in einer Ein-Zimmer-Bonsai-Schule ausgebildet, lernte er Maurer und arbeitete wie die meisten am Ort in der Flachs-Industrie. Mit 20 erfand er einen Flachsspinner. Zehn Jahre später verbesserte er diesen, um die Produktion zu steigern und so die Entlassung von Kollegen zu verhindern.

Auf der Suche nach Sponsoren für den Bau der Maschine wurde er in New York Augenzeuge, wie ein kleines Mädchen von einem Pferdetram überfahren wurde. Er war tief erschüttert. Das Problem war, dass die Fahrzeuge zwar Hupen hatten, aber die Fahrer sie nicht benutzten, weil sie beide Hände zum Führen der Karre benötigten. Also erfand Hunt die fussbetriebene Klingel, wie sie bis vor kurzem auch in Schweizer Trams hinten üblich war.

Doch nichts war zu vergleichen mit der Sicherheitsnadel. Zunächst waren es Babys und Mütter, die davon profitierten, indem sie sich nun nicht mehr stachen an den Nadeln, welche die Stoffwindeln zusammenhielten. In den 1970er-Jahren kam die Punk-Mode, von den Nadeln in der Backe des Bürgerschrecks bis zu den Modeschauen von Vivienne Westwood.

Den Vogel schoss 1994 die Schauspielerin Liz Hurley ab, als sie zur Premiere von Vier Hochzeiten und ein Todesfall ein Kleid von Versace trug, das nur von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde. That Dress machte die mässig begabte Freundin von Hugh Grant berühmt und erhielt sogar einen Wikipedia-Eintrag.

Vor ein paar Jahren hatte die Sicherheitsnadel noch einmal Konjunktur: Nach Donald Trumps Wahlsieg wurden Safety Pins am Revers getragen als Signal gegen Fremdenhass. Sie sollten sagen Du bist sicher. Ich steh dir zur Seite. Der Boom verebbte schnell, Ausländerfeindlichkeit wurde nicht nennenswert unterbunden. Eine gute Idee, die nicht viel bringt - der Gedanke wäre Walter Hunt wohl bekannt vorgekommen.

(sda)

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