Geschichte einer beispiellosen Mordserie an Spitalpatienten


Roman Spirig
International / 06.06.19 13:37

Jahrelang tötete der frühere Krankenpfleger Niels Högel Patienten. Die ihm zur Last gelegte Mordserie ist beispiellos, die Aufklärung zog sich seit Jahren hin. Ein Überblick:

Geschichte einer beispiellosen Mordserie an Spitalpatienten (Foto: KEYSTONE / AP / Hauke-Christian Dittrich)
Geschichte einer beispiellosen Mordserie an Spitalpatienten (Foto: KEYSTONE / AP / Hauke-Christian Dittrich)

Juni 1999: Högel beginnt mit seiner Arbeit auf der Station 211 des Spitals in Oldenburg. Er ist dort bis September 2001 tätig. Spätere Auswertungen ergeben, dass sich die Zahl der Sterbefälle in dieser Zeit mehr als verdoppelt. Das Krankenhaus und Högel trennen sich Ende 2002 unter nicht genau geklärten Umständen.

Dezember 2002: Högel beginnt seinen Dienst auf einer Intensivstation in einem Delmenhorster Spital. Er arbeitet dort bis Juli 2005. Ermittlungen ergeben, dass Kollegen wohl ab 2003 Verdacht schöpfen.

Juni 2005: Högel wird von einer Kollegin bei einer Medikamentengabe auf frischer Tat ertappt. Die Klinik lässt das Blut des Patienten untersuchen. Högel arbeitet noch einige Tage weiter, bis er in die Ferien geht. Als die Blutprobe den Verdacht erhärtet, wird die Polizei eingeschaltet. Högel kehrt nicht an seine Arbeit zurück.

Juni 2006: In einem ersten Prozess wird Högel wegen der Tat vom Juni 2005 zu fünfeinhalb Jahren Haft wegen versuchten Totschlags verurteilt. Der Fall geht in die Revision. Das höchste deutsche Gericht in Karlsruhe kippt das Urteil, das Landgericht muss erneut verhandeln. Högel bleibt auf freiem Fuss und arbeitet unter anderem in Altersheimen.

Juni 2008: Das Landgericht Oldenburg verurteilt den früheren Pfleger in einem neuen Prozess. Die Richter werten die Tat nun als Mordversuch und schicken ihn für siebeneinhalb Jahren in Haft. Der Staatsanwalt leitet zudem Ermittlungen zu acht weiteren Verdachtsfällen ein.

August 2011: Nach einem Personalwechsel bei der Staatsanwaltschaft versanden die Ermittlungen. Auch als Mitgefangene 2012 Hinweise auf Mordgeständnisse von Högel geben, handelt der Mitarbeiter nicht.

November 2013: Nach einem neuerlichen Wechsel bei der Staatsanwaltschaft gehen die Ermittlungen weiter. Es kommt zu einer Anklage wegen weiterer fünf Patiententötungen.

Oktober 2014: Der Prozess um diese fünf Taten beginnt vor dem Landgericht in Oldenburg. In dessen Verlauf verdichten sich Hinweise auf weitaus mehr mögliche Morde. Im November 2014 gründen Polizei und Staatsanwaltschaft die Sonderkommission Kardio, die alle Todesfälle an Högels ehemaligen Dienststellen unter die Lupe nimmt.

Januar 2013: Högel gesteht einem vom Gericht beauftragten Sachverständigen 30 Morde in Delmenhorst. Taten in Oldenburg bestreitet er.

Februar 2015: Högel wird vom Landgericht Oldenburg wegen Tötung von fünf Patienten verurteilt, die Strafe aus dem ersten Prozess fliesst ein. Er erhält lebenslange Haft. Zwei Fälle gelten dabei als Mord, zwei als Mordversuch und einer als Körperverletzung mit Todesfolge.

März 2015: Die Polizei beginnt mit der Exhumierung von verstorbenen Patienten. Parallel werten Sachverständige alte Krankenakten aus.

Juni 2015: Die Ermittler gehen laut Zwischenstand von mindestens 27 weiteren Opfern aus und haben erstmals Belege für Verbrechen in Oldenburg. Der Chefermittler spricht von einem "Grauen", das kein Ende nimmt.

August 2015: Die Zahl der Högel zur Last gelegten Taten steigt laut Ermittlern auf mindestens 90. Das Ende ihrer Aufklärungsarbeit verzögert sich.

Januar 2018: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen weiterer 97 Patiententötungen in Delmenhorst und Oldenburg zwischen 2000 und 2005. Bis Prozessbeginn erhöht sich die Zahl der Fälle auf 100.

Oktober 2018: Der Prozess beginnt mit einer Schweigeminute für die Opfer. Högel gesteht 43 Morde, fünf Taten bestreitet er, an 52 will er sich nicht erinnern können.

Mai 2019: Die Staatsanwaltschaft sieht 97 Morde als erwiesen an und fordert lebenslange Haft sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Voraussetzungen für Sicherungsverwahrung sieht sie nicht.

Juni 2019: In seinem letzten Wort vor Gericht entschuldigt sich Högel für seine "schrecklichen Taten". Die Verteidigung fordert Freisprüche in 31 angeklagten Fällen, plädiert aber ebenfalls auf lebenslange Haft. Das Gericht verhängt schliesslich erneut lebenslange Haft wegen weiterer 85 Patientenmorde. Zudem wird die besondere Schwere der Schuld festgestellt, was eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren ausschliesst. Hinzu kommt ein lebenslanges Berufsverbot.

(sda)


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