Lila und laut: Hunderttausende Frauen fordern Gleichstellung


Roman Spirig
Schweiz / 14.06.19 19:21

Der dezentral organisierte zweite Frauenstreik in der Schweiz vermochte landesweit stark zu mobilisieren. Erste Schätzungen gehen von Hunderttausenden von Frauen aus, die gleiche lange Spiesse im gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Leben einforderten.

Lila und laut: Hunderttausende Frauen fordern Gleichstellung (Foto: KEYSTONE / MELANIE DUCHENE)
Lila und laut: Hunderttausende Frauen fordern Gleichstellung (Foto: KEYSTONE / MELANIE DUCHENE)

Bereits vor Beginn der Gross-Kundgebungen in den verschiedenen Landesteilen sei klar, dass sich am Frauenstreik 2019 Hunderttausende Frauen beteiligt haben, schrieb der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) am Freitagabend in einer ersten Einschätzung. Allein bei den Aktionen bis zum Mittag hätten schweizweit gegen 100'000 Personen an den Aktionen auf der Strasse und in den Betrieben teilgenommen.

In praktisch allen Städten sowie vielen grösseren Gemeinden fanden Aktionen und Kundgebungen mit einigen hundert bis mehreren tausend Teilnehmenden statt. In Basel brach der Verkehr in den Innenstadt gemäss dem Korrespondenten der Nachrichtenagentur Keystone-SDA am späten Nachmittag zusammen. Mehrere tausend Frauen jeglichen Alters und einige Männer waren auf der Strasse.

In der Westschweiz wurden Dutzende Schulen und Kindertagesstätten bestreikt. Kristallisationspunkt des Kampftages war jedoch der Berner Bundesplatz. Dort verschafften sich um 11 Uhr tausende Frauen mit Pfannendeckeln, Hörnern, Trillerpfeifen, Rasseln und Rätschen Gehör. Bis Mittag beteiligten sich allein in Bern insgesamt rund 10'000 Frauen und Männer am Streik, wie die Veranstalterinnen mitteilten.

Um 11 Uhr war der Moment, in dem laut Streikaufruf im ganzen Land die Frauen ihre Arbeitsplätze verliessen und mit viel Lärm und Transparenten auf sich aufmerksam machten.

Gestreikt wurde auch im Nationalrat. Präsidentin Marina Carobbio (SP/TI) unterbrach die Sitzung für eine Viertelstunde und der Ratssaal leerte sich rasch. Viele Vertreter der SVP blieben indes an ihren Plätzen sitzen. Auf dem Bundesplatz mischten sich Politikerinnen inklusive Bundesrätin Viola Amherd unter die Frauen. Sie wurden von der Menge lautstark begrüsst.

Aus Fenstern des Bundeshauses wurden vorübergehend violette Tücher geschwenkt. Dass die Parlamentarierinnen nur eine kurze Zeit an der Kundgebung auf dem Bundesplatz teilnahmen begründeten sie damit, dass sie die Männer im Bundeshaus nicht einfach abstimmen lassen wollten, wie Grünen-Präsidentin Regula Rytz sagte.

Nächster Fixpunkt im beinahe unüberschaubaren Programm war sechs Minuten vor halb vier am Nachmittag ein sogenannter "Freeze" auf dem Bundesplatz. Gemäss Streikaufruf sollte um 15:24 Uhr jede Frau Feierabend machen, sonst arbeite sie angesichts der Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau den Rest des Tages gratis.

Tausende Frauen auf Bundesplatz zählten von fünf auf null herunter und erstarrten dann für eine Minute. Nach einer Minute war der "Freeze" beendet und es folgte ein grosses Pfeifkonzert. In Lausanne formten die Kundgebungsteilnehmerinnen vor dem Unispital CHUV die genaue Uhrzeit dieses Moments.

Nichts ging mehr um die Mittagszeit rund um den Zürcher Hauptbahnhof: Mehrere hundert Demonstrantinnen des Frauenstreiks hatten sich auf die Tramgeleise beim Central gesetzt und den Verkehrsknotenpunkt mit Bändern abgesperrt.

Einige Demonstrantinnen waren allerdings nicht ganz friedlich gestimmt und griffen Fotografen an. Die Stadtpolizei teilte zudem mit, dass die Blockade die Rettungsfahrzeuge behindere. Schliesslich beendeten die Demonstrantinnen die Blockade und zogen weiter.

Bereits am Mittag hatte sich die Gewerkschaft Unia begeistert geäussert über den Verlauf des Frauenstreiks: Die grosse Resonanz und Mobilisierung zeige, dass die Verbesserung der Lebens und Arbeitsbedingungen "überfällig und bitter notwendig ist". Der Tag zeige überdeutlich, dass die Gleichstellung der Geschlechter eine der sozial drängendsten Fragen der Schweiz sei.

Einen handfesten Erfolg gab es aus Luzern zu vermelden: nach drei Stunden Streik hat der Arbeitgeber einer Reinigungsfirma gemäss SGB den Mitarbeiterinnen zugesichert, dass Vor- und Nachbearbeitungsarbeiten sowie die Reisezeit ab sofort bezahlt werden.

Solidarität gab es auch aus den USA: Mitarbeiterinnen von McDonalds, die sich derzeit in den USA wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz im Streik befinden, sind am Freitag nach Zürich gereist, um sich ihren Schweizer Kolleginnen am Frauenstreiktag anzuschliessen.

Auch am Jahreskongress der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf war der Frauenstreik ein Thema. Mit dem Kampf gegen Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt sowie gegen Ungleichheit standen zwei zentrale Themen des Frauenstreiks im Zentrum der Debatten.

Begonnen hatten die Aktionen in Lausanne. Dort trafen sich in den frühen Morgenstunden zum Auftakt rund 500 Frauen, die auf die Anliegen des weiblichen Geschlechts mit Transparenten aufmerksam machten. Auch lösten Frauen den Turmwächter von Lausanne ab und schrien die Uhrzeit ins Dunkel hinaus.

Bereits am frühen Morgen war auch in Zürich bei der Hardbrücke die "Klitoris-Wanderung" gestartet . Das Ziel das Ziel der Aktivistinnen ist, dass aufgeklärt wird ohne Sexismus. In Basel wurde das höchste Haus der Schweiz, der Roche-Turm, mit dem Logo des Streiktages angestrahlt.

Dem Eidgenössischen Parlament wurde am Morgen eine Bittschrift übergeben, in der ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent für Damen-Hygieneprodukte gefordert wird. Diese Petition für eine tiefere Tamponsteuer haben mehr als 11'000 Personen unterschrieben.

Und Zeitungen zogen mit besonderen Aktionen mit. So erschien etwa der "Bote der Urschweiz" am Freitag als "Botin der Urschweiz".

Der 14. Juni ist ein Schlüsseldatum für die Gleichstellung von Mann und Frau in der Schweiz. 1981 hiess das Volk den entsprechenden Verfassungsartikel gut. 1991, zehn Jahre später, legten eine halbe Million Frauen in der Schweiz die Arbeit nieder, angeführt von den Gewerkschaften.

(sda)


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