Sek-Lehrer vor Gericht: Buben im Internet zu Porno-Bildern genötigt


Roman Spirig
Schweiz / 09.04.19 15:18

Wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern und Nötigung muss sich ein 37-jähriger Schweizer seit heute Dienstag vor dem baselstädtischen Strafgericht verantworten. Der Sekundarschullehrer bedrängte Buben in Internet-Chats, wo er sich als Mädchen ausgab.

Sek-Lehrer vor Gericht: Buben im Internet zu Porno-Bildern genötigt
Sek-Lehrer vor Gericht: Buben im Internet zu Porno-Bildern genötigt

Die Anklage wirft dem Geständigen vor, ab 2003 mindestens zehn Jahre lang unter 16-Jährige angegangen zu haben, um Nacktbilder und Videos von sexuellen Handlungen seiner Opfer zu bekommen. In Kontakt- und Messenger-Diensten trat er mit Aliasnamen als etwa gleichaltriges Mädchen auf und suchte gezielt nach pubertierenden Buben.

Dabei setzte er als Lockmittel Bilder unbekannter junger Frauen ein, die er aus dem Internet bezogen hatte, wie er zum Prozessbeginn sagte. Bissen die meist 13- bis 15-jährigen Opfer an, fragte er sie aus und nutzte erhaltene Antworten und Bilder, um sie unter Druck zu setzen für mehr und explizitere Bilder.

Er gab präzise Regieanweisungen, welche Posen und Handlungen er sehen wollte und nahm diese auf. Auch recherchierte er für seine Erpressungen Opfer-Wohnorte, -Vereine etcetera. Nur einmal sprach er mit im Netz gefundenen Buben-Bildern einen Buben per Chat an, der nicht auf Mädchen gestanden sei, wie er am Dienstag sagte.

Opfer, die zweifelten oder zögerten, setzte er intensiv unter Druck. Zum Beispiel drohte er, im Chat gespeicherte pornografische Bilder im Netz zu veröffentlichen oder an Bekannte des Opfers weiterzuleiten. Auf diesem Weg erhaltenes Bildmaterial tauschte er online mit Gleichgesinnten aus - wie viele Dritte das Material am Ende sahen, ist unbekannt.

Der Angeschuldigte flog auf, als britische Untersuchungsbehörden Schweizer Behörden kontaktierten: Er hatte mit Briten Bildmaterial ausgetauscht. In der Folge musste er seine Lehrerstelle aufgeben, als die Staatsanwaltschaft wegen des Strafverfahrens die Schule anschrieb, dies gleich zweimal.

Nach Stationen in Allschwil BL, Oberwil BL und Liestal endete seine Lehrerkarriere zuletzt 2018 in Rheinfelden AG. Heute ist er - der mit KV-Ausbildung als Quereinsteiger Lehrer geworden war - auf Jobsuche.

Bei einer Hausdurchsuchung fanden Ermittler im August 2014 auf seiner Hardware insgesamt 47'670 kinderpornografische Bilder und 4096 solche Videos. Das meiste habe er nicht mehrmals geschaut sondern gesammelt, sagte er. Einige Tier- und gewaltpornografische Bilder und Videos seien unabsichtlich in seinem Speicher gelandet.

Die Anklageschrift listet 246 geschädigte Buben auf, von denen nicht alle namentlich bekannt sind. Einzelne Opfer hingegen besuchten Schulen, an denen der Beschuldigte unterrichtete. Für ihn hätten Internet und reales Leben nichts miteinander zu tun gehabt: Das seien "zwei Welten", sagte er; im Realen habe er sich "nicht so als Gefahr eingeschätzt".

Bei der Befragung durch den Gerichtspräsidenten mochte er sich an sehr vieles nicht erinnern, so warum er damit anfing, Präferenzen und Details zum Vorgehen. Zum eigenen ersten Sexualkontakt wollte er nichts sagen - heute sehe er sich als bisexuell. Seit 2014 gehe er freiwillig wöchentlich zum Psychiater, auch um das eigene Verhalten damals zu verstehen.

Vor der fünfköpfigen Strafgerichts-Kammer sprach er von Reue: "Ich würde es gerne rückgängig machen"; er schäme sich für seine Taten gegenüber den Opfern. Als Jugendlicher habe er selber von sich solche Bilder gemacht; weitergereicht habe er diese indes nie. Er konsumiere heute weiter Pornografie, jedoch nur noch legale.

Seine Eltern hatten sich getrennt, als er 13 Jahre alt war; mit 18 zog er aus. Er hatte nach eigenen Angaben noch nie eine feste Beziehung, wohl auch nicht gesucht. Partnerschaftsportale etwa nutze er nicht; er halte sich für kontaktfreudig.

Zum Beginn wurde ein Rückweisungsantrag des Verteidigers abgelehnt. Dieser hatte der Staatsanwaltschaft konfuse Aufbereitung der tausende von Seiten umfassenden Akten vorgeworfen, was korrekte Verteidigung unzulässig erschwere. Der Präsident befand die Aktenlage angesichts der "schlicht immensen" Bildermenge jedoch für ausreichend, zumal über ein Drittel der Opfer einvernommen worden seien.

Der Strafprozess ist auf zweieinhalb Tage Dauer angesetzt. Das Urteil dürfte am Donnerstag verkündet werden; der genaue Termin dafür steht noch nicht fest.

(sda)


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