Verkehrswachstum bei "Spange Nord" überschätzt


Roman Spirig
Regional / 29.01.20 16:07

Das umstrittene Luzerner Strassenprojekt "Spange Nord" soll aufgrund von ungenauen Annahmen geplant worden sein. Dies geht aus einem Gutachten hervor, das die Gegner des Vorhabens in Auftrag gegeben haben.

Verkehrswachstum bei Spange Nord überschätzt (Foto: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)
Verkehrswachstum bei Spange Nord überschätzt (Foto: KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)

Die Studie wurde von Alexander Erath von der Fachhochschule Nordwestschweiz und von Kay Axhausen von der ETH Zürich erarbeitet und am Mittwoch im Sentihof in Luzern vorgestellt. Sie empfehlen dem Kanton Luzern, ein neues Verkehrsmodell zu entwickeln und das Vorhaben neu zu bewerten.

In Auftrag gegeben worden war das Gutachten von der "IG Reussport Nein", die die "Spange Nord" bekämpft. Die "Spange Nord" soll in der Stadt eine neue Verbindung zur Autobahn schaffen und so zu einer verkehrsmässigen Entlastung der Innenstadt beitragen.

In der Stadt Luzern wird das Projekt abgelehnt. Der Kanton überprüfte im Auftrag des Kantonsrats das Vorhaben und redimensionierte es in der Folge. Es besteht heute noch vor allem aus einer neuen Reussbrücke, die die Fluhmühle via dem neuen Anschluss Lochhof mit der Autobahn verbinden soll.

Ziel des Gutachtens sei nicht, ein Projekt abzuschiessen, sondern eine Fachmeinung abzugeben, sagte Erath. Diese solle die Grundlage für eine fundierte Diskussion schaffen.

Erath betonte, dass er und Axhausen ein unabhängiges Gutachten erstellt hätten. Die IG habe keinen Einfluss auf die Inhalte und das Vorgehen ausgeübt. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton sei erfreulich gewesen, denn dieser habe sich kooperativ gezeigt und Fragen rasch beantwortet.

Die Gutachter untersuchten die kantonalen Berichte zur "Spange Nord" und das diesen zugrundeliegende Verkehrsmodell. Mit einem solchen Modell soll die Verkehrsmenge und die Verkehrssituation 2040 abgeschätzt werden, damit dann die geplante Strasseninfrastruktur auf ihre Zweckmässigkeit hin bewertet werden kann.

Das Modell des Kantons geht davon aus, dass der Autoverkehr um 22 Prozent zunimmt, analog dem Bevölkerungswachstum. Doch dies ist gemäss den Gutachtern zu einfach. So wird es in 20 Jahren mehr Menschen im Alter von über 65 Jahren geben, was sich auf das Verkehrsaufkommen und das Verkehrsverhalten auswirkt. Dies sei nicht berücksichtigt worden, so dass das Verkehrswachstum um 4 Prozentpunkte überschätzt worden sei, schreiben die Gutachter.

Im Verkehrsmodell nicht oder ungenügend berücksichtigt worden sind gemäss dem Gutachten auch geplante Verbesserungen im Bus- und Bahnangebot, so der Durchgangsbahnhof und zusätzliche Busspuren, oder die Auswirkungen der verdichteten Siedlungsentwicklung. Überschätzt wurde auch die Zahl der Autos der Stadtbewohner. Unterbewertet wurde die Zunahme bei den ÖV-Abonnements.

Aufgrund solcher Ungenauigkeiten beim Verkehrsmodell ist denn auch die Prüfung, wie zweckmässig der geplante Infrastrukturausbau ist, wenig aussagekräftig. Weil von einer zu grossen Zunahme des Autoverkehrs ausgegangen worden ist, wurde auch die positive Wirkung der neuen Strasseninfrastruktur überschätzt.

Die Gutachter bemängeln auch, dass nur neue Infrastrukturen geprüft wurden und nicht auch andere Massnahmen, etwa Mobility Pricing sowie eine Förderung des Veloverkehrs oder von neuen flexiblen Arbeitsmodellen.

Im Gutachten wird auch empfohlen, langfristig zu denken. Als Themen genannt werden hierzu autonome Fahrzeuge oder die Evaluation eines Um- oder teilweisen Rückbaus der durch die Stadt führenden Autobahn, dies nach der Erstellung der Umfahrungsautobahn.

Das kantonale Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartement wird das Gutachten der "IG Reussport Nein" prüfen. Departementssprecherin Paloma Meier-Martino relativierte die Kritik auf Anfrage dahingehend, der Kanton habe vom Kantonsrat den konkreten Auftrag erhalten, das Projekt "Spange Nord" fachlich zu prüfen und nicht ein Gesamtverkehrskonzept zu erstellen. Deswegen seien verschiedene Aspekte nicht abgebildet worden. Zur Zeit liefen beim Kanton aber auch Arbeiten an einem umfassenden Mobilitätskonzept.

Meier-Martino sagte zudem, dass die Fluhmühlebrücke, offiziell Reussportbrücke genannt, zusätzlich bewusst mit den heutigen Verkehrszahlen beurteilt worden sei. Dies habe ergeben, dass die neue Strasseninfrastruktur bereits unter heutigen Bedingungen einen Verlagerungseffekt von der Stadt auf die Autobahn habe.

(sda)


Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Sportler @ Home: Der SFV-Captain über die Corona-Krise und seine Zukunft
Sport

Sportler @ Home: Der SFV-Captain über die Corona-Krise und seine Zukunft

Stephan Lichtsteiner spürt die Ohnmacht. Der Captain der Nationalmannschaft hat im Fussball während zwei Jahrzehnten fast alles erlebt – bis ein Virus global alles aus den Fugen hob.

Urner Seilbahnbetreiber wegen Verstoss gegen Verordnung angezeigt
Regional

Urner Seilbahnbetreiber wegen Verstoss gegen Verordnung angezeigt

Ein Seilbahnbetreiber im Kanton Uri hat entgegen der Coronaverordnung des Bundes Touristen befördert. Er wurde verzeigt. Während Seilbahnen mit Erschliessungsfunktion für Bewohner und Älpler geöffnet sind, ist der Ausflugsverkehr untersagt.

Frau in Emmenbrücke erstochen
Regional

Frau in Emmenbrücke erstochen

Eine Frau ist am Donnerstagnachmittag in Emmenbrücke LU erstochen worden. Die Polizei nahm am Tatort einen 20-jährigen Mann fest.

Lufthansa und Swiss schicken tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit
Wirtschaft

Lufthansa und Swiss schicken tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit

Wegen des weitgehend eingestellten Flugbetriebs meldet die Lufthansa Kurzarbeit für knapp zwei Drittel ihrer Beschäftigten an. Auch die Tochter Swiss greift wegen des Coronavirus zu dieser Massnahme.